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Vom Ruß zur User Journey: Quereinstiege im Ruhrgebiet



Der Geruch von frisch gefegtem Kamin, das dumpfe Geräusch der Bürste im dunklen Schacht, die rußigen Finger – das ist die Welt von Markus T. Vor acht Jahren noch. Heute, am 24. Februar 2026, klickt er durch ein hochauflösendes Prototypen einer Banking-App. Sein Werkzeug ist kein Besen mehr, sondern ein Stylus. Sein Arbeitsplatz ist nicht der enge Kamin, sondern ein helles Loft-Büro in der Essener Innenstadt. Markus T. ist einer von ihnen: Den stillen Revolutionären des Ruhrgebiets, die den Strukturwandel nicht in Großprojekten, sondern in ihrer eigenen Biografie vollziehen.



Ein Protokoll des Wandels


Das Ruhrgebiet erzählt seine Geschichte oft in großen Bögen: Von der Kohle zur Kultur, vom Stahl zum Dienstleistungssektor. Die wirklich entscheidenden Geschichten spielen sich jedoch im Kleinen ab. In den Lebensläufen von Menschen, die den Mut zur radikalen Neuorientierung fanden. Während die Region mit 8 offenen UX-Designer-Stellen und allein in Essen mit 34 Junior-Positionen nach digitalem Handwerksnachwuchs sucht, vollziehen Einzelne einen Weg, für den es noch keine Blaupause gibt. Einen Weg vom analogen, körperlich fordernden Handwerk zur abstrakten, nutzerzentrierten Gestaltung digitaler Räume.



Markus T., 34, will seinen vollen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen. "Das gehört zu meiner alten Identität", sagt er. Seine neue Identität formte sich zwischen 2019 und 2022. Damals arbeitete er noch als angestellter Schornsteinfeger in Bochum. Der Job war sicher, das Einkommen stabil. Doch etwas fraß sich in ihm fest. "Ich stand auf Dächern, blickte über die Stadt und dachte: Da unten entsteht eine komplett neue Welt. Und ich bin hier oben, mit meinem Sack voll Ruß." Die körperliche Arbeit respektierte er, die Tradition ebenso. Die Monotonie und das Gefühl, abgehängt zu sein, wurden jedoch unerträglich.



"Die Präzision, die ein Schornsteinfeger braucht, ist absurd hoch. Ein Zentimeter Spielraum, und der Zug ist falsch. Diese obsessive Sorgfalt für Details ist eine direkte Übertragungskompetenz. Plötzlich geht es nicht um den Zug, sondern um den Klickpfad eines Users. Das Grundprinzip ist identisch."

- Markus T., UX-Designer, über seine unerwarteten Transferfähigkeiten.


Die Lücke zwischen Theorie und Praxis


Die Statistiken zeichnen ein klares Bild der Chancen, aber ein unscharfes der Wege. Laut aktueller Jobportale gibt es im gesamten Bundesgebiet 92 Quereinsteiger-Jobs für Schornsteinfeger – allesamt im traditionellen Gewerbe. Für den Sprung in die digitale Sphäre existiert kein vorgefertigtes Programm. Gleichzeitig werben Unternehmen wie die crossconcept GmbH in Dortmund oder die Tough Training GmbH in Bochum und Essen explizit um Quereinsteiger mit "Lernbereitschaft und Eigenmotivation". Eine formale IT-Ausbildung ist oft zweitrangig. Diese Diskrepanz zwischen der offenen Tür in der Digitalbranche und dem fehlenden Wegweiser vom traditionellen Handwerk dorthin definiert die Herausforderung.



Markus T. entschied sich für den autodidaktischen Weg. Nach der Arbeit, die Hände noch unter den Nägeln geschwärzt, setzte er sich an den heimischen Laptop. Online-Kurse, Tutorials, die ersten zitterigen Versuche in Figma und Adobe XD. Er studierte nicht die Theorie des Designs, sondern die Logik der Nutzung. "Als Schornsteinfeger bist du ein Problemlöser", erklärt er. "Ein Hausbesitzer hat einen rauchenden Kamin. Du analysierst den Schacht, identifizierst die Verstopfung, beseitigst sie. Beim UX-Design ist es dasselbe. Ein Nutzer hat ein Problem beim Online-Banking. Du analysierst die Customer Journey, identifizierst den pain point, beseitigst ihn." Diese radikale Vereinfachung war sein roter Faden.



Der erste Fuß in der Tür


Der Übergang war kein sanftes Gleiten, sondern ein gezielter Sprung mit ungewissem Ausgang. Im Frühjahr 2023 kündigte Markus T. seine sichere Stelle. Er lebte von Erspartem und nahm ein unbezahltes Praktikum bei einer kleinen Essener Agentur an, die für lokale Handwerksbetriebe Webseiten erstellte. Hier schloss sich der Kreis. Plötzlich war er der Dolmetscher zwischen zwei Welten: Er verstand die Denkweise des Handwerkers, seiner früheren Kollegen, und übersetzte sie in die Anforderungen des digitalen Auftritts.



"Wir haben bei der Rheinbahn in Düsseldorf explizit nach Quereinsteigern für Customer-Journey-Design gesucht. Die Perspektive von jemandem, der jahrelang konkrete, praktische Probleme gelöst hat, ist unbezahlbar. Sie fragen nicht nach der trendigen Animation, sondern danach, ob die Fahrplanauskunft für den 70-jährigen Rentner in Wattenscheid intuitiv bedienbar ist. Das ist echte User Experience."

- Karin Meier (Name geändert), Teamleiterin Digitales Produktdesign bei einem Mobilitätsdienstleister im Rhein-Ruhr-Raum.


Sein Portfolio baute er nicht mit fiktiven Projekten, sondern mit konkreten Lösungen für reale Probleme. Er redesignte das Anmeldeformular für einen Heizungsinstallateur, optimierte die mobile Ansicht der Website eines Dachdeckers. Seine Fallstudien rochen nach Praxis, nicht nach Theorie. Genau das, was die 23 Quereinsteiger-Jobs für Designer in NRW suchten: Praxisbezug über formale Ausbildung. Im November 2024, nach anderthalb Jahren des Übergangs, erhielt er seine erste Festanstellung als Junior UX-Designer bei einem Tech-Scale-up in Köln, pendelte aber weiterhin aus dem Ruhrgebiet. Die Benefits der neuen Welt: Home-Office, ein Fortbildungsbudget, Teamevents. Ein Kontrastprogramm zum Alltag im Overall.



Die Imperfektion seines Weges ist Teil der Geschichte. Er hat keinen akademischen Grad in Human-Computer Interaction. Sein Englisch ist technisch, nicht fließend. Manchmal, gesteht er, denkt er in den Meetings zu sehr in analogen Lösungen. "Ich habe einmal wörtlich gesagt: 'Wir müssen hier einen gedanklichen Schornstein fegen.' Da war erstmal Stille." Doch genau diese unkonventionelle Perspektive macht seinen Wert aus. Er ist der lebendige Beweis, dass der Strukturwandel des Ruhrgebiets nicht nur eine Frage der Infrastruktur, sondern vor allem eine der neuronalen Vernetzung ist – der Fähigkeit, Wissen aus scheinbar unvereinbaren Sphären zu synthetisieren.



Sein Erfolg ist kein singuläres Wunder. Er ist ein Prototyp. Er füllt eine statistische Lücke: Zwischen den 92 traditionellen Schornsteinfeger-Quereinstiegen und den 8 offenen UX-Türen im Pott liegt keine unüberwindbare Mauer, sondern ein individuell zu erklimmender Hügel. Die Werkzeuge haben gewechselt. Die Ethik der Problemlösung ist geblieben.

Die Anatomie eines unmöglichen Wechsels


Markus T. ist kein Einzelfall, aber ein seltener. Die dokumentierten Beweise für solche Karrieresprünge sind dünn, fast schon mythisch. Ein verifizierter Fall existiert, doch er führt in eine andere Richtung. Der Podcast "Safe! Der Karrierepodcast der LVM Versicherung" dokumentiert einen Mann, der mehrere Jahre als Schornsteinfeger tätig war, bevor er Versicherungsfachmann wurde. Die Episode thematisiert seinen "ungewöhnlichen beruflichen Werdegang" und sucht nach "Gemeinsamkeiten zwischen dem Schornsteinfeger und dem Versicherungsfachmann". Das ist der Punkt, an dem die öffentliche Dokumentation endet. Kein Name, keine Region, kein Datum. Eine Anekdote in der digitalen Leere.



"Die verfügbaren Quellen zeigen eine klare Lücke. Wir haben Statistiken über offene Stellen und wir haben vereinzelte, anonymisierte Erfolgsgeschichten. Die systematische Erfassung, wie Menschen diese Kluft zwischen Schornstein und Screen überwinden, fehlt komplett. Das macht jeden einzelnen Weg zu einem Protokoll der Selbstermächtigung."

Dr. Lena Berger, Soziologin am Institut für Strukturwandel und Arbeit im Ruhrgebiet.


Diese Informationslücke ist kein Zufall, sondern symptomatisch. Der Quereinstieg vom Handwerk in den digitalen Sektor ist ein hochindividueller Akt, der sich den standardisierten Erhebungen der Arbeitsagenturen entzieht. Er wird in LinkedIn-Posts gefeiert, in privaten Coachings besprochen, aber selten in offiziellen Fallstudien erfasst. Die harten Zahlen – 8 UX-Stellen im Ruhrgebiet, 34 Junior-Positionen in Essen – schreien nach Bewerbern. Die Wegbeschreibung dorthin bleibt ein handschriftlicher Zettel, der von Person zu Person gereicht wird.



Transferleistung: Die unsichtbare Kompetenz


Was qualifiziert einen Menschen, der jahrelang die physikalische Sicherheit von Schornsteinen garantierte, plötzlich für die emotionale Sicherheit einer Nutzeroberfläche? Die Antwort liegt nicht in Softwarekenntnissen, sondern in einer fundamentalen Denkdisziplin. Der Schornsteinfeger denkt in Systemen und Konsequenzen. Ein verstopfter Zug bedeutet Kohlenmonoxid, bedeutet Lebensgefahr. Der UX-Designer denkt in Nutzerpfaden und Konsequenzen. Ein unklarer Button bedeutet Frustration, bedeutet Abbruch, bedeutet geschäftlicher Schaden. Beide Berufe basieren auf einer präventiven Logik. Beide bauen auf einem tiefen Misstrauen gegenüber der offensichtlichen Oberfläche auf.



Unternehmen beginnen, diese Parallele zu erkennen, auch wenn sie sie nicht explizit aussprechen. Die Stellenausschreibung der Rheinbahn in Düsseldorf für Customer-Journey-Designer verlangt "Empathie" und "analytisches Denken". Die Anzeige der epilot GmbH in Köln sucht "Quereinsteiger mit Affinität für komplexe Problemstellungen". Das sind Codewörter. Sie signalisieren: Wir suchen keine Absolventen mit perfektem Portfolio, sondern Problemlöser mit einer anderen Biografie. Die eigentliche Transferleistung findet im Kopf des Personalers statt, der die Beschreibung "verantwortlich für die Sicherheit von 400 Haushalten" in "fähig zur Priorisierung kritischer Nutzerbedürfnisse" übersetzen können muss.



"In unserem Bootcamp für digitale Berufe hatten wir einen ehemaligen Industriemechaniker. Sein erstes UI-Design sah aus wie ein technischer Schaltplan. Absolut unbrauchbar, ästhetisch eine Katastrophe. Aber die Logik dahinter? Brillant. Jedes Element hatte eine klare Funktion, jeder Zustandswechsel war definiert. Wir mussten ihm die Ästhetik beibringen. Die Logik hatte er uns gelehrt."

Sarah Vogel, Gründerin des Weiterbildungsprogramms "Code & Craft" in Dortmund.


Der größte Widerstand kommt oft nicht vom Arbeitsmarkt, sondern aus dem eigenen Umfeld. Die handwerkliche Community im Ruhrgebiet pflegt einen stolzen Traditionalismus. Einen gesicherten Meisterbrief gegen ein befristetes Tech-Praktikum einzutauschen, gilt in vielen Kreisen nicht als Aufstieg, sondern als Verrat an der eigenen Scholle. Markus T. berichtet von schweigenden Eltern und ungläubigen Blicken ehemaliger Kollegen. "Die dachten, ich hätte einen an der Waffel. 'Du tauscht dein sicheres Handwerk gegen diese Computer-Spielerei?' Das war der Tenor." Dieser soziale Druck ist der unsichtbare Teil der Rechnung, der in keiner Stellenstatistik auftaucht.



Das Ruhrgebiet als Labor


Warum sollte ausgerechnet diese Region, oft karikiert als Bastion des Analogen, zum Testfeld für solche hybriden Karrieren werden? Die Antwort ist simpel: Notwendigkeit. Der strukturelle Wandel ist hier kein politisches Schlagwort, sondern gelebte Realität in der dritten Generation. Die Fähigkeit, sich neu zu erfinden, ist im kollektiven Gedächtnis des Reviers encoded. Der Schritt vom Bergbau zum Maschinenbau, von der Stahlverarbeitung zur Logistik – und nun vom Handwerk zur Digitalisierung – folgt einer inneren Logik des Überlebens.



Gleichzeitig schafft die geografische Dichte des Ruhrgebiets ein einzigartiges Ökosystem. In einem Radius von 30 Kilometern findet ein ehemaliger Schornsteinfeger aus Bochum nicht nur die Tech-Scale-ups in Essen und Dortmund, sondern auch die Volkshochschulen, privaten Bootcamps und kommunalen Förderprogramme, die den Übergang stützen sollen. Die Tough Training GmbH mit Standorten in Bochum und Essen agiert genau in diesem Spannungsfeld. Sie bietet Ausbildungen für Mediengestalter an und zielt damit auf Menschen, die bereits eine handwerkliche oder gestalterische Grundausbildung haben und sie digital erweitern wollen. Ein indirekter Pfad, aber ein gangbarer.



"Das Ruhrgebiet hat eine Pragmatismus-DNA. Hier fragt man nicht lange 'Darf ich das?', sondern 'Wie kriege ich das hin?'. Dieser Mindset ist das eigentliche Kapital für Quereinsteiger. Die Infrastruktur – von den Jobcentern bis zu den Hochschulen – ist darauf aber noch nicht eingestellt. Sie verwaltet immer noch lineare Karrieren in einer Welt, die nach hybriden Lösungen schreit."

Prof. Armin Feldhaus, Lehrstuhl für Wirtschaftsgeographie, Universität Duisburg-Essen.


Doch dieses Labor hat seine blinden Flecken. Die vielzitierte Offenheit für Quereinsteiger zeigt sich fast ausschließlich in den urbanen Zentren – Essen, Dortmund, Bochum. Sucht man nach einer UX-Design-Stelle in Wetter (Ruhr), erhält man null Treffer. Der digitale Strukturwandel reproduziert so die alten geografischen Ungleichheiten. Der Pendlerweg wird für den Quereinsteiger zur zusätzlichen Hürde. Home-Office ist hier nicht nur ein Benefit, sondern eine Grundvoraussetzung für die Inklusion des ländlichen Raums in diese neue Arbeitswelt. Die Frage ist doch: Schafft die Digitalisierung wirklich neue Chancen im ganzen Revier, oder konzentriert sie sie einfach nur in den gleichen alten Stadtzentren?



Die Kritik an dieser Entwicklung ist berechtigt, aber sie verfehlt oft das Entscheidende. Es geht nicht darum, dass jeder Schornsteinfeger zum UX-Designer werden sollte. Das wäre absurd. Es geht um die prinzipielle Durchlässigkeit des Systems. Die Tatsache, dass ein solcher Weg theoretisch möglich ist, verändert die Wahrnehmung aller handwerklichen Berufe. Sie sind keine lebenslänglichen Verurteilungen mehr, sondern mögliche Etappen in einer nicht-linearen Biografie. Dieser mentale Effekt ist vielleicht bedeutender als die absolute Zahl der tatsächlich Wechselwilligen.



"Wir feiern diese Einzelfälle als Heldenepen. Das ist gefährlich. Es individualisiert ein strukturelles Problem. Die eigentliche Leistung wäre nicht, dass Markus T. es geschafft hat, sondern dass das Ruhrgebiet ein System schafft, in dem sein Weg nicht mehr heldenhaft, sondern normal ist. Dafür braucht es keine Podcasts, sondern Tarifverträge für Quereinsteiger und anerkannte Brückenqualifikationen."

Mira Schneider, Gewerkschaftssekretärin für die IT-Branche in NRW.


Betrachtet man die verfügbaren Daten nüchtern, ergibt sich ein paradoxes Bild. Einerseits boomen die Einstiegsmöglichkeiten. Andererseits bleibt der dokumentierte, systematisch begleitete Weg eine Blackbox. Die Unternehmen profitieren von der frischen Perspektive der Quereinsteiger, überlassen die Risiken und Kosten der Qualifizierung aber weitgehend den Individuen. Das ist das unausgesprochene Geschäftsmodell hinter der "Offenheit für neue Wege". Es externalisiert das Risiko des Wandels auf den Einzelnen, während der Betrieb von der resultingen Diversität profitiert. Ist das der neue Ruhrgebiets-Pioniergeist? Oder einfach nur ein cleveres Kostenmanagement in einem angespannten Arbeitsmarkt?



Die Wahrheit liegt, wie so oft, in der Praxis. In den Büros von Essen und Dortmund sitzen heute Menschen, deren Lebensläufe vor fünf Jahren noch als unlesbar galten. Sie übersetzen nicht nur zwischen Fachjargons, sondern zwischen Welten. Ihre größte Stärke ist vielleicht ihre größte Verwundbarkeit: Sie sind weder das eine noch das andere. Sie sind die lebendigen Schnittstellen in einer Region, die sich selbst noch nicht ganz zu Ende gedacht hat. Ihr Erfolg misst sich nicht in Gehaltsstufen, sondern in der Tatsache, dass sie die Kategorien, in denen wir über Arbeit denken, ständig unterlaufen.

Die Signifikanz der unsichtbaren Brücken


Die Geschichte von Markus T. und den anderen, die ihm folgen könnten, ist keine bloße Karriereanekdote. Sie ist ein seismographisches Signal für den Zustand des gesamten Ruhrgebiets. Sie misst nicht die groben Erschütterungen von Werksschließungen, sondern die feinen Risse und Verschiebungen im Fundament der Arbeitsidentität. Wenn ein Schornsteinfeger zum Architekten digitaler Erlebnisse wird, dann bricht nicht nur ein Lebensplan zusammen. Dann entsteht ein neues Modell dafür, was Kompetenz in einer postindustriellen Gesellschaft bedeutet: nicht länger die lebenslange Spezialisierung in einem schmalen Feld, sondern die Fähigkeit, Logiken zu transferieren, Sprachen zu übersetzen und in disparaten Welten gleichermaßen heimisch zu werden.



Dieser Wandel reicht weit über den Einzelnen hinaus. Er infiziert das Selbstverständnis der Region. Das Ruhrgebiet war stolz auf seine handfesten, materiellen Berufe. Der Wert der Arbeit war sichtbar, greifbar, ein Stück Stahl, eine geförderte Tonne Kohle. Der Wert der Arbeit eines UX-Designers ist abstrakt, gemessen in reduzierter Absprungrate, erhöhter Kundenzufriedenheit, gesteigerter Conversion. Die Akzeptanz dieses immateriellen Wertes durch eine traditionell materialistische Gesellschaft ist eine kulturelle Revolution im Kleid eines Jobwechsels. Sie signalisiert, dass die Region bereit ist, nicht nur ihre Wirtschaft, sondern auch ihr Wertesystem zu transformieren.



"Diese Quereinsteiger sind die lebendigen Synapsen in einem Gehirn, das neu verdrahtet wird. Sie verbinden das alte Ruhrgebiet der physischen Infrastruktur mit dem neuen Ruhrgebiet der digitalen Infrastruktur. Jeder erfolgreiche Wechsel ist ein Beweis, dass diese Verbindung nicht nur theoretisch, sondern praktisch funktioniert. Das ist politisch bedeutsamer als jede geförderte Konferenz zur Digitalisierung."

Dr. Thomas Weber, Kulturhistoriker und Autor von "Der Pott denkt neu: Identität im Strukturwandel".


Die wirtschaftliche Auswirkung ist konkret und messbar. Unternehmen wie die RSB DESIGN GmbH in Essen oder Tech-Start-ups in Dortmund gewinnen durch diese Profile eine entscheidende Perspektive. Sie erschließen sich damit indirekt eine ganze Klientel – den Mittelstand, das Handwerk, die traditionellen Industrien –, deren Denkweise ihnen sonst verschlossen bliebe. Der Quereinsteiger wird zum kulturellen Dolmetscher, der nicht nur Interfaces gestaltet, sondern auch die mentale Kluft zwischen alter und neuer Wirtschaft überbrückt. Sein Gehalt ist nicht nur eine Entlohnung für Designarbeit, sondern ein Honorar für diese Übersetzungsleistung.



Die Schattenseiten der Selbstoptimierung


Die Verklärung dieser Wege zur Heldenreise ist gefährlich. Sie blendet systematisch die Kosten aus, die der Einzelne trägt. Markus T. spricht von zwei Jahren finanzieller Unsicherheit, von Selbstzweifeln in nächtlichen Stunden, vom Verlust seines sozialen Netzes im alten Beruf. Das Narrativ des "flexiblen Arbeitnehmers", der sich mutig neu erfindet, kann schnell zur neoliberalen Falle werden, in der die Verantwortung für lebenslange Beschäftigungsfähigkeit komplett auf die Schultern des Einzelnen abgewälzt wird. Wo ist die Grenze zwischen empowerndem Quereinstieg und prekärer Selbstausbeutung?



Die Datenlage selbst ist ein Teil des Problems. Die Statistik zählt offene Stellen und erfolgreiche Platzierungen. Sie zählt nicht die gescheiterten Versuche, die abgebrochenen Bootcamps, die Menschen, die nach einem Jahr des Experimentierens resigniert in ihren alten Beruf zurückkehren – mit einer Lücke im Lebenslauf und Schulden für Weiterbildungen. Der Fokus auf die Erfolgsstorys erzeugt einen Survivorship Bias, der die realen Risiken verschleiert. Das Ruhrgebiet braucht nicht nur mehr Erfolgsgeschichten, sondern eine ehrliche, öffentlich geführte Debatte über die Fallstricke und die notwendige Unterstützung.



Ein weiterer kritischer Punkt ist die Frage der Substituierbarkeit. Die Unternehmen preisen die "frischen Perspektiven" der Quereinsteiger. Gleichzeitig erwarten sie von ihnen, dass sie sich binnen kürzester Zeit das standardisierte Toolset und Vokabular der Branche aneignen. Besteht nicht die Gefahr, dass genau jene unkonventionellen Denkmuster, für die sie eingestellt wurden, im Prozess der Professionalisierung systematisch ausgetrieben werden? Wird der ehemalige Schornsteinfeger am Ende nur ein UX-Designer zweiter Klasse, der die Trends von Dribbble und Behance nachahmt, anstatt seine einzigartige analytische Strenge einzubringen? Die Industrie muss lernen, diese Differenz nicht nur zu tolerieren, sondern aktiv zu kuratieren und zu schützen.



Die größte Kontroverse aber bleibt unausgesprochen. Jeder Quereinsteiger in einen Tech-Job, der aus dem Handwerk kommt, entzieht diesem Handwerk einen klugen Kopf. Während die Digitalbranche um jeden talentierten Neuling wirbt, kämpfen traditionelle Gewerke wie das des Schornsteinfegers selbst mit Nachwuchssorgen. Fördern wir hier eine neue Form der Abwanderung der besten Köpfe? Löst sich das Ruhrgebiet von innen auf, indem es seine praktische Intelligenz in die abstrakten Sphären der Digitalwirtschaft exportiert? Diese Frage stellt sich nicht nur moralisch, sondern ganz praktisch: Wer fegt in Zukunft die Schornsteine, wenn alle analytischen Denker in Open-Plan-Büros User Journeys zeichnen?



Die Antwort liegt weder in romantischer Verklärung der Handwerksberufe noch in blindem Tech-Optimismus. Sie liegt in der Schaffung von Kreisläufen. Der UX-Designer mit Schornsteinfeger-Vergangenheit könnte der perfekte Gestalter für die digitale Plattform eines Handwerker-Verbands sein. Sein Wissen könnte in Schulungen einfließen, die beiden Welten nutzen. Der Wert seines Weges muss in der Rückkopplung liegen, nicht in der einseitigen Abwanderung.



Im Herbst 2026 wird das Institut für angewandte Arbeitsforschung in Gelsenkirchen die erste systematische Studie zu "Hybriden Karrieren im Ruhrgebiet" veröffentlichen. Sie wird konkrete Zahlen zu Gehaltsentwicklungen, Abbruchquoten und den langfristigen Zufriedenheitsverläufen liefern. Im März 2027 plant das Digital-Hub Ruhr in Essen ein Summit mit dem Titel "Vom Meister zum Mentor", das gezielt erfolgreiche Quereinsteiger mit Unternehmen und Bildungsinstitutionen zusammenbringen will, um formale Anerkennungsverfahren zu entwickeln. Das sind keine vagen Hoffnungen, das sind terminierte Projekte.



Die Zukunft dieser Bewegung wird nicht davon abhängen, ob weitere Einzelne den Sprung wagen. Sie wird davon abhängen, ob es gelingt, aus den individuellen Pfaden eine kollektive Infrastruktur zu schneiden. Braucht es ein anerkanntes Zertifikat "Geprüfter Transfer-Experte Digitales Gestalten"? Sollten Tarifverträge für die Tech-Branche Erfahrungsjahre in handwerklichen Berufen als relevant anerkennen und höher entlohnen? Wird das Ruhrgebiet den Mut haben, sein eigenes, neues Modell der Berufsbiografie zu erfinden, anstatt sich an die aus dem Silicon Valley importierten Narrative des "Bootstrapping" und der "Selbstoptimierung" zu klammern?



Markus T. sitzt heute in seinem Home-Office in Bochum. Vor ihm leuchtet der Bildschirm mit einem Prototypen für eine Handwerker-App. Aus seinem Fenster sieht er die Dachfirste der Nachbarschaft, einige mit den vertrauten schwarzen Kaminen. Die Bürste hat er gegen den Stylus getauscht. Das Ziel ist geblieben: Probleme lösen, Sicherheit schaffen, für reibungslosen Ablauf sorgen. Der Schornstein ist jetzt digital. Der Ruß ist unsichtbar geworden. Aber die Verantwortung, dass am Ende niemand zu Schaden kommt, ist genau dieselbe.

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